Genossenschaftsidee ist Weltkulturerbe

Die Unesco hat die Genossenschaftsidee kürzlich zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt. Als Genossenschaftsbank ist die VR-Bank Nordeifel eG von Anfang an von diesem Prinzip überzeugt. Im Interview erklärt Bernd Altgen, warum die genossenschaftliche Idee gerade den Zeitgeist trifft, warum besonders strukturschwache Regionen davon profitieren können und wie sich die VR-Bank Nordeifel eG in diesem Bereich engagiert.

» Was denken Sie, welche Auswirkungen könnte die Erklärung zum immateriellen Weltkulturerbe für die Genossenschaftsidee haben?

Bernd Altgen: Ich hoffe, dass die Genossenschaften dadurch etwas mehr ins Bewusstsein der Menschen geraten. Obwohl es ein tradiertes Modell ist, das Menschen schon seit mehr als 150 Jahren zusammenbringt, kann es gleichzeitig hoch innovativ sein. Schließlich sind momentan viele Menschen auf der Suche nach Modellen, die den Gemeinschaftssinn fördern.

» Die Genossenschaftsidee hat also einen modernen Charakter?

Bernd Altgen: Genau. Betrachtet man zum Beispiel Shared Services oder Crowdfunding – auch dahinter steht meines Erachtens eine genossenschaftliche Idee. Sie bietet den Menschen mehr Möglichkeiten, Ideen zu entwickeln und auch Taten folgen zu lassen. Genossenschaften bringen in dem Maße Nutzen und Wertschöpfung, wie die Mitglieder ihre Leistungen in Anspruch nehmen.
In der evolutionären Entwicklung hat der Mensch früh erkannt, dass man gemeinsam mehr erwirtschaften kann. Menschen beteiligen sich an Projekten, um einen Vorteil für sich zu generieren und gleichzeitig ein möglichst geringes persönliches Risiko einzugehen. An einer Genossenschaft kann man sich beteiligen und ist gleichzeitig nur beschränkt haftbar zu machen. Bei dieser Rechtsform steht eben der Mensch – und nicht das Kapital – im Mittelpunkt.

» Welche Werte zeichnen eine Genossenschaft aus?

Bernd Altgen: All jene Werte, die Menschen verbinden: Nachhaltigkeit, Verlässlichkeit, Solidarität, Ehrlichkeit und Respekt, Fairness und Gerechtigkeit. Es geht dabei um die Frage, wie man Menschen dazu motivieren kann, verantwortlich die Zukunft zu gestalten. Nur wenn alle Akteure davon profitieren, kann es partnerschaftliches Handeln geben, das Nachhaltigkeit schafft.

» In einer Genossenschaft können sich die Mitglieder nach demokratischem Prinzip an der Gestaltung des Unternehmens beteiligen. Welche Möglichkeiten gibt es dazu bei der VR-Bank Nordeifel eG?

Bernd Altgen: In unseren Versammlungen können die Mitglieder ihre Vertreter wählen, die jeweils 250 Genossenschaftsmitglieder repräsentieren. Außerdem binden wir unsere Mitglieder über verschiedene Beiräte in die unternehmerische Gestaltung ein. So haben wir zum Beispiel Regional- und Strategiebeiräte, die über die Vergabe der Mittel aus dem Regionalfonds bestimmen. Die gewählten Mitglieder haben dort nämlich die Stimmenmehrheit – und können den Vorstand überstimmen. Und natürlich sind unsere Mitglieder auch im Aufsichtsrat vertreten.

» Wie profitieren die Mitglieder darüber hinaus von einer Genossenschaftsbank?
Bernd Altgen: Wir sind auf unsere Mitglieder angewiesen – und darauf, dass sie sich in der Region wohlfühlen und hier ihren Lebensmittelpunkt haben. Darauf fußt letztlich unser regionales Engagement. Wir wollen Menschen und Unternehmen aktivieren, um die Region nach vorne zu bringen – für eine gute Zukunft. Letztendlich muss unser Wirken natürlich dem Zweck der Genossenschaft dienen. Unser Grundauftrag hier in der Nordeifel ist sozusagen die „Dableibensvorsorge“.
In der Nordeifel ist heute die Hälfte der Einwohner Mitglied in der VR-Bank Nordeifel eG. So ist es für uns alle nachhaltig wirtschaftlich, wenn wir die Region nach vorne bringen. Wenn unsere Mitglieder die Eifel als lebenswert empfinden und hier ihren Lebensmittelpunkt haben, wird die Region auch wirtschaftlich tragfähiger. Und natürlich brauchen wir auch hochqualifizierte Mitarbeiter in unserem Unternehmen, denen wir so vor Ort eine Perspektive bieten können.
Die Genossenschaft ist eben ein Menschensystem, in dem die Werte die Leitplanken bilden, die die Menschen miteinander verbinden, für eine gute Zukunft in der Heimat.
» Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell für Genossenschaften?
Bernd Altgen: Die Genossenschaftsidee basiert von Anfang an auf dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn wir zu den Ursprüngen zurückkehren gab es immer einen Mangel oder einen Druck auf die Menschen, der der Auslöser für die Gründung einer Genossenschaft war. Allgemein sind sicherlich Themen wie Demografie, Digitalisierung und die sogenannte Arbeitswelt 4.0 eine Herausforderung für die Gesellschaft. Die Eifel ist darüber hinaus eine strukturschwache Region, in der wir als Bürger selbst gefordert sind, etwas zu bewegen. Aus diesem Grund unterstützt die VR-Bank Nordeifel eG schon seit Jahren die Gründung von engagierten Genossenschaften in der Region, wie zum Beispiel die Schülergenossenschaft der Realschule Schleiden, den Sistiger Dorfladen, das Streuobstwiesen Netzwerk Nordeifel eG, die GenoEifel eG – die Generationengenossenschaft und die Dienstleistungsgenossenschaft Eifel DLG eG. (st)


Bernd Altgen, Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Nordeifel eG, sieht den innovativen Charakter der Genossenschaftsidee. Foto: Tucholke


Frische Genossenschaft Sistig eG (Dorfladen)
Kurz vor der Schließung konnten die Sistiger Bürger ihren Dorfladen retten und als Genossenschaft weiter betreiben. Fest angestellte Arbeitskräfte werden hier von Freiwilligen unterstützt, um die örtliche Infrastruktur zu erhalten. Unter eigenem Label werden sogar Brot, Wurst und Bier verkauft. Die VR-Bank Nordeifel eG beriet bei der Gründung in wirtschaftlichen Fragen.


GenoEifel eG – die Generationengenossenschaft
Die Idee ist eine Drei-Generationen-Region: Jüngere Menschen setzen sich bei der Hilfe für alt gewordene Eifeler ein – in Form von Rasenmähen, durch die Zeit für ein Gespräch oder einen Spaziergang. Für ihren Einsatz bekommen sie eine Vergütung oder lassen sich Zeit auf ihrem persönlichen Konto gutschreiben, die sie im Bedarfsfall wieder gegen Hilfe eintauschen können.


HAMMERauch eSG (Schülergenossenschaft)
Die Schülergenossenschaft möchte jungen Menschen schon früh ökonomisches Wissen, Selbstständigkeit und Teamgeist vermitteln. Wie eine echte Genossenschaft ist sie mit Vorstand und Aufsichtsrat aufgebaut und betreibt die Geschäftsfelder Nachhilfenetzwerk, Schulauktionen und schuleigenes Eventmanagement mit Cateringservice. Die Schüler werden dabei regelmäßig durch Mitarbeiter der VR-Bank Nordeifel eG unterstützt.


Dienstleistungsgenossenschaft Eifel DLG
Arbeitgeber aus der Nordeifel haben sich zusammengeschlossen, um als Genossenschaft für die Mitglieder Leistungen aus den Bereichen Personalführung, Chancengleichheit & Diversity, Gesundheit, Wissen & Kompetenz und Digitalisierung zu entwickeln, bereitzustellen oder einzukaufen. Die Eifel DLG, eine Idee der VR-Bank Nordeifel eG, soll ihre Mitglieder wirtschaftlich und sozial fördern – und die Region nach vorne bringen.

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